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"Wenn man ins Disneyland fährt und dann kommt Mickey Mouse auf einen zu, gibt’s auch viele Erwachsene, die, wenn Mickey winkt, auch so albern zurückwinken und diese verkleidete Figur so eins zu eins übernehmen, als sei das da real."
Es wusste wirklich niemand aus der ganzen Schule und der Klasse, dass du das bist?
Doch, doch, das wussten alle. Das ist auch rechtlich gar nicht anders möglich gewesen. Das muss man vorher natürlich den Lehrern und den Eltern erzählen. Durch die Eltern ist das sicher auch zu den Schülern durchgesickert. Das ist aber letztendlich irrelevant, denn wenn man weiß, man ist im Kostüm, also eigentlich ein anderer oder ob man das nicht weiß, man hat eh keine andere Chance als mit der Figur so wie sie da ist zu kommunizieren und damit umzugehen. Das Wissen darüber, dass unter der Maske jemand anderes steckt das hilft dir dabei nicht. Insofern ist das Ergebnis immer unabhängig vom Wissen oder Unwissen, das ist auch eine der großen Erfahrungen, die ich in der Serie „Mein neuer Freund“ gemacht habe, wo die Kandidaten ja auch wussten, dass die Figur, die sie eine Woche lang Zuhause beherbergen mussten, nicht echt ist und trotzdem haben sie geweint, geflucht, die Figur gehasst bis aufs Blut und ernst genommen durch und durch. Insofern ist das Wissen oder Nichtwissen für den Kern des Projekts oder des Experiments eigentlich nicht relevant.
Aber es wirkt gerade durch die Mimik der Anderen so, als ob sie es nicht wissen würden.
Das ist ja genau das was ich sage, es spielt keine Rolle. Du kannst dir nicht immer sagen, da steckt ja eigentlich jemand anderes dahinter. Das ist eine intellektuelle Kraftanstrengung, die kann man keine 6 Wochen hintereinander 2-4 Stunden am Tag leisten kann. Du musst das nehmen wie es ist. Wenn man ins Disneyland fährt und dann kommt Mickey Mouse auf einen zu, gibt’s auch viele Erwachsene, die, wenn Mickey winkt, auch so albern zurückwinken und diese verkleidete Figur so eins zu eins übernehmen, als sei das da real. Da kommt man ja auch nicht auf die Idee mit der zu sprechen, obwohl man weiß, dass es ein Mensch ist, der da hinter der Maske steckt. Das Hirn funktioniert einfach so..was es vorgesetzt bekommt, nimmt es erst mal ernst.. und so funktioniert auch Jonas.
Wie war es für dich wieder in die Rolle eines Teenagers zu schlüpfen?
Für mich war es viel interessanter wieder in die Schule zu gehen und zu gucken, was hat sich verändert oder nicht, wieder konfrontiert zu sein mit den ganzen alten Erinnerungen von damals, mit den Ängsten und den Gerüchen und so weiter. Zu gucken, was hat sich verändert und dabei festzustellen, es hat sich eigentlich fast gar nichts verändert. In den 20 Jahren, die ich nicht mehr in der Schule war, ist alles gleich geblieben. Die Lehrer machen immer noch dieselben doofen Witze und es riecht genauso. Das war wirklich spannend, wie eine Zeitreise zurück. Es gab dieselben Blamagesituationen an der Tafel, wenn man vorrechnen musste, da hat man sich wahnsinnig viel geschämt oder Angst gehabt, bloßgestellt zu werden. Also es war halt eine Zeitreise und das fand ich sehr aufregend.
Die Gesellschaft und die Zeitungen sprechen ja immer von der „Generation Doof“ oder „Generation Faul“. Du hast die Generation jetzt hautnah kennengelernt, wie stehst Du dazu? Wurdest du gut aufgenommen?
Ja, total ..also ich fand die Schüler weder faul noch asozial. Es war jetzt aber auch wirklich eine durchschnittliche Schule, ging also weder ins eine noch ins andere Extrem. Es war keine Eliteschule, aber auch keine „Rütlischule“. Es war so eine klassische deutsche Schule, wie sie die meisten hier in Deutschland durchlebt haben. Und das verblüffende war eben, es ließ sich kein Unterschied feststellen. Sie waren genauso faul wie wir damals, haben morgens auch noch irgendwo die Hausaufgaben abgeschrieben und das Einzige, was sich geändert hat, sind gar nicht die Schüler,finde ich, und vielleicht geht das auch nicht mit den ganzen Artikeln über Pisa oder so überein, aber meine Erfahrung war, dass sie eher mehr Angst haben als früher. Ich hatte früher Angst vor einer 6 und auch nur, weil ich die Klasse nicht wiederholen wollte, weil ich Ärger Zuhause bekam oder weil es mir peinlich vor den Anderen war. Gelernt hab ich jetzt trotzdem nicht allzuviel, hab mich dann kurz vor den Klassenarbeiten ein bisschen gefürchtet. Heute haben die Jugendlichen teilweise Angst arbeitslos zu werden..mit 14/ 15 Jahren.. das ist eigentlich absurd. Das liegt auch daran, dass Lehrer teilweise solche Dinge sagen, wie: „Na wenn ihr euch jetzt hier nicht anstrengt und die Klausur versemmelt, dann kann es halt sein, dass ihr dann später mal Hartz IV bezieht.“ und: „Was soll nun aus euch nur werden?“. Das ist schon ein ziemlich heftiger Druck, dem du ausgesetzt bist, wenn du weißt, dass all das was dir hier gerade passiert, Auswirkungen auf dein ganzes restliches Leben hat. Das ist ein Hammerdruck für die restlichen Schuljahre. Den hatten wir früher nicht. Ich hab immer gewusst, was ich einmal werden will und immer fest daran geglaubt, dass ich das machen könnte, was ich kann und wozu ich Lust habe und hab daran nie gezweifelt und das hat mich in der Schule über Wasser gehalten. Wäre mir das weggebrochen worden, weil die Lehrer mir gesagt hätten: „ Aus dir wird nie was, weil du 'ne 5 in Mathe geschrieben hast!“, dann hätte ich daran ganz schön zu beißen gehabt.
Es gibt eine Parkplatzszene, auf der Jonas ziemlich betrunken ist. Ist das deinem schauspielerischen Talent zu verdanken oder war da wirklich Alkohol im Spiel?
Nein, ich hatte nichts getrunken. Ich hatte mir das aber einmal überlegt und bin morgens aufgestanden und so ein bisschen angetrunken in die Schule gegangen, weil ich mal sehen wollte, was da passiert und es passierte leider gar nichts. Da hab ich das wirkliche Experiment, mal etwas zu trinken, beim Spielen lieber weggelassen und mich darauf konzentriert, es einfach nur vorzugeben. Ich hab nicht mal was runtergeschluckt, sondern immer nur die Flasche angesetzt und so getan, als ob. Auch um den Überblick zu behalten, den man im betrunkenem Zustand ja schnell mal verliert.
Wenn das Projekt länger gegangen wäre, meinst du, dass du das Abi geschafft hättest?
Naja, ich hätte halt lernen müssen auf Biegen und Brechen, hätte mich aber auch wieder auf andere Sachen außerhalb der Schule konzentriert und Schule so nebenbei abgesessen.
Warum verliebt sich Jonas ausgerechnet in die Musiklehrerin?
Tja, wo die Liebe hinfällt, das kann man ja nie vorher wissen. Die kam einfach so des Weges und er war verliebt und das Wie und Warum, das kann man nicht erklären, glaub ich. Es war eben so.
Es gab also auch kein Drehbuch, was das alles vorgegeben hat?
Naja, doch, also rein dramaturgisch war es vorgegeben. Es gab sozusagen nur 3 Ziele. Bei so einer Dokumentation kann man ja nichts im Vorfeld planen, man kann sich nur etwas vornehmen. Dann muss man immer sehen, schafft man das oder wie weit kommt man da in seinem Vorhaben. Und da gab es diese 3 Vorhaben: Das eine war das ganz universale „Schaff ich die Schule noch mal und werde ich hier nach der Probezeit bestehen können?“ und das hab ich dann auch ganz ernsthaft betrieben. In der Figur hab ich dann ganz ernsthaft versucht den Logarithmus zu lernen - mit Nachhilfe. Das zweite war Freunde finden, mit denen ich dann eine Band gründe und „Schaff ich das?“, „Werden wir Kumpels und können wir überhaupt zusammen musizieren?“. Und das dritte war: Ich bin in meine Musiklehrerin verliebt, wie geht diese Geschichte aus. Das waren die drei Säulen, die wir uns vorgenommen haben und an denen wir alles aufhingen.
Warum habt ihr den Film überhaupt als Dokumentation gemacht?
Das war sozusagen die Idee. Das mach ich ja schon seit Jahren - mit Kunstfiguren in die Wirklichkeit gehen - und das war auch hier wieder die Idee um dabei zu beobachten, was passiert.
Relativ am Anfang es Films hält Jonas ein Referat, hättest du das früher selbst auch so gehalten? Also, war das so ein bisschen der Christian Ulmen?
Nein, ich war nicht wie Jonas. Das Referat war ja auch ein klein wenig naiv und fehlgeleitet. Er hat das Thema, über das er schreiben sollte auch nicht so ganz kapiert. So doof war ich früher nicht. Insofern ist das wirklich eine ausgedachte Figur, die mit mir nichts zu tun hat.
Was denkst du, wie würde Jonas' Leben jetzt noch weitergehen, also wenn wir jetzt mal davon ausgehen, er hat das Abi in der Tasche.
Ich muss mir ja Gott sei Dank über den Vogel keine Gedanken mehr machen. Ich bin jetzt 6 Wochen um 4 Uhr aufgestanden und abends um 10 zurück, hab also fast nicht geschlafen und musste dieser Typ sein. Ich bin so froh, dass es den nicht mehr gibt. Es war wahnsinnig spannend und interessant, auch, dass es jetzt diesen Film gibt, aber die Gedanken über das, was jetzt mit Jonas wird, sollen sich die Zuschauer machen, ich kann nicht mehr.
Wie sah denn der Drehtag im Allgemeinen aus? Du musstest dich ja frühs sicher schminken und auf Jonas trimmen?
Ja, ja also das war wirklich so.
Hattest du neben den Pausen zwischen den Unterrichtsstunden auch noch Drehpausen oder so?
Nun ja, wir sind morgens los und ich musste um 4 Uhr in der Maske sein, weil ich dann erst mal 2 Stunden geschminkt wurde. Um 6 fuhren wir dann zur Schule und um 7 wurde man dann dort verkabelt. Dann ging ich noch mal mit dem Regisseur den Tag durch und wir haben überlegt,was gestern passiert ist und wie wir das heute machen. Mit diesem Briefing geht man dann in die Schule, die um 8 anfängt und zieht das dann so durch. Manchmal hab ich mir erlaubt, was eigentlich verboten war, heimlich hinter der Hecke eine zu rauchen und kurz zu pausieren. Aber das war wirklich eine genauso heimliche Mission, wie bei vielen anderen Schülern auch, die rausgehen. Hätten sie mich erwischt, hätten sie mich dafür auch rausschmeißen können. Das haben die auch angekündigt. Das war deshalb auch alles sehr echt. Die echten Bedingungen eines echten Schülers. Ich war da wirklich 6 Wochen lang dieser Typ, dieser Schüler.
Hattest du auch außerhalb der Schule mit deinen Klassenkameraden Kontakt?
Ja, das haben wir auch alles gedreht, aber dadurch, dass der Film nicht so lang werden konnte, wurde das nicht mit aufgenommen.
Hast du heute noch Kontakt zu denen?
Nein..ich hatte ja nie Kontakt zu ihnen..es war ja immer Jonas. Da unterscheide ich ganz streng, sonst funktioniert das nicht und das darf man auch nicht vermischen. Ich war nie in der Schule und ich hatte auch nie mit jemandem von dort Kontakt – so merkwürdig das auch klingt, aber das ist halt dieser Job. Wenn man im Kostüm ist, hat man halt Kontakt mit den Leuten dort und wenn man die Maske abnimmt, ist dieser Typ eben weg und ich selber habe keinen Kontakt mehr mit ihnen.
Vielen Dank für deine Zeit, hat mich sehr gefreut. |